Erschienen in der lichtblick No.401
Der französische Schriftsteller Sorj Chalandon, heute 73 Jahre alt, berichtete als Journalist über drei Jahrzehnte lang aus dem Libanon, aus dem Iran, dem Irak, Somali und Afghanistan. Seine Sprache zeugt bis heute von dieser Tätigkeit als Berichterstatter. Sie ist einfach, auf eine poetische Art präzise. Was er schreibt, geht unter die Haut. Auch in seinem 2025 bei dtv auf deutsch erschienenen Roman Herz in der Faust ist das der Fall. In diesem Roman verwebt Sorj Chalandon historische Ereignisse mit dem Lebenslauf eines fiktiven Jugendlichen, der, früh elternlos, erst im Heim und dann im Gefängnis landet.
Aufstand in der Kinderstrafkolonie
Das historische Ereignis: Am 27. August 1934 kommt es in der Kinderstrafkolonie von Belle-Île-en-Mer zu einem Aufstand. 56 Jugendliche, zwischen 12 und 21 Jahre alt, fliehen. Um sie einzufangen, setzt die französische Polizei ein Kopfgeld in Höhe von 20 Francs auf jedes erfolgreich verratene Kind aus. Nicht nur Einheimische beteiligen sich daraufhin an der Jagd auf die Kinder und Jugendlichen. Auch Touristen, die ihre Ferien auf der bretonischen Insel verbringen, liefern Flüchtige aus. Den französischen Autor und Lyriker Jacques Prévert veranlasste das Ereignis 1934 zu seinem berühmten Gedicht: »Chasse à l’enfant«, deutsch: »Kinderjagd«.
Im Roman entkommt nur einer der Jugendlichen: Jules Bonneau. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sein Nachname im Französischen genauso klingt wie der Nachname eines in Frankreich berühmten Jules. Der hieß Bonnot und war ein bekannter französischer Anarchist (1876–1912). Es ist nicht der einzige Faden, mit dem Chalandon die Geschichte seines jugendlichen Protagonisten mit der politischen Geschichte der 30er Jahre verknüpft. Jules Flucht ist eingebettet in den Kampf kommunistischer Fischer gegen den aufkommenden Faschismus, der in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Deutschland aus längst auch Frankreich erreicht hatte. Das ist das Besondere an diesem Roman: Chalandon schickt seine fiktive Figur durch ein reales historisches Setting, das in seiner Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit nicht zu ertragen ist.
Nach sieben Jahren reicht es
Sieben Jahre verbringt Jules in der Strafkolonie, erlebt Gewalt, Unterdrückung und Demütigungen. Er wird selbst zu einem, der weiß, wie man zuschlägt. Er kämpft gegen die »Schläger in Uniform«, die Wärter, die Tag und Nacht drohen: »Sie drehen uns durch den Wolf, sie brechen uns, walken uns durch wie Teig. Damit wir weich und glatt werden wie Weißbrot.« Und er kämpft für seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit und Solidarität.
Als es schließlich zum Aufstand der Insassen kommt, wird Jules zur Furie: »Mein ganzes Herz lag in meinen Fäusten. Meine Schläfen schmerzten. Meine Zähne klapperten. Für eine nötige Bewegung brauchte ich drei überflüssige. Ich ging nicht, ich tanzte. Schnitt Grimassen in den Tumult. Streckte die Zunge heraus wie ein Wasserspeier. Alles löste sich auf. (…) Sieben Jahre Lager fielen gerade von mir ab. Ich raste. Ich atmete. Ich lebte.«
Auf seiner Flucht entkommt Jules (anders als sein Freund Camille, der von zwei alten Frauen verraten wird, denen er vertraute) der bürgerlichen Meute auf Kinderjagd und rettet sich auf das Boot des Fischers Ronan. Ronan weiß, dass Jules so kurz nach dem Aufstand in der Kolonie keine Möglichkeit hat, die Insel zu verlassen. Kurzerhand gibt er ihn als seinen Neffen aus und nimmt ihn in seine Bootsmannschaft auf. Die Crew, allesamt politisch links, decken das Vorgehen ihres Kapitäns. Jules wird Sardinenfischer – ein Beruf, in dem die jungen Gefangenen in der Strafkolonie tatsächlich ausgebildet wurden; allerdings auf dem Trockenen, auf einem im Gefängnishof stehenden Schiff. Das Wasser, das die Insel umschließt und jede Flucht erschwert, wird für Jules zum rettenden Element. Bis Ronans Schwager hinter Jules‘ Geheimnis kommt und den Jungen für seine rechte Ideologie gewinnen will.
Erst 1945 wird das Gefängnis geschlossen
Es wird Zeit. Jules muss die Insel verlassen, sein Zuhause auf Zeit, Ronan und seine Frau Sophie, bei denen er das erste Mal in seinem Leben Zuneigung gespürt hat. Ronan bringt den Jungen aufs Festland. Jules schafft es bis Paris... Das Gedicht von Jacques Préverts ist nur eines der Zeugnisse zur Strafkolonie. Über das Gefängnis erschienen immer wieder Reportagen und Artikel in Zeitungen, die zu viel Protest gegen die Einrichtung führten. Geschlossen wurde die Kinderstrafkolonie aber erst nach dem zweiten Weltkrieg.
Aus dem Gedicht »Kinderjagd« von Jacques Prévert (aus: Paroles, 1946)
Bandit! Halunke! Dieb! Schlingel!
Jetzt ist er geflohen
Und wie ein gejagtes Tier
Galoppiert er durch die Nacht
Und alle galoppieren hinter ihm her
Die Gendarmen, die Touristen, die Rentner, die Künstler.
Bibliografische Daten
Sorj Chalandon
Herz in der Faust
Im Original: L’Enragé (2023 bei Grasset erschienen)
EUR 25,00 [DE] – EUR 25,70 [AT]
ISBN : 978-3-423-28489-9
Erscheinungsdatum: 11.09.2025
1.Auflage / 400 Seiten
Format : 11,8 x 19,5 cm
Sprache: Deutsch, Übersetzung: Aus dem Französischen von Brigitte Große
